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2. Platz bei HAZ-Schreibwettbewerb!


08.06.2010

Lina Peters steht beim 9. HAZ-Schreibwettbewerb in der Altersklasse 7.-8. Klasse auf dem Siegertreppchen.

Mit ihrem Text "Allein mit der Angst", den Lina im Zusammenhang mit dem Wahlpflichtunterricht "Kreatives Schreiben" (Frau Gutzeit/Herr Frederich) verfasst hat, katapultiert sich die vierzehnjährige GBG-Schülerin beim HAZ-Schreibwettbewerb aus über 1000 Einsendungen auf den 2. Platz:


Allein mit der Angst

Die Dunkelheit hatte alles Licht verdrängt und sich wie ein schwarzes Tuch über den Himmel gelegt. Die Straßen waren verlassen, ein kalter Wind wehte leere Plastiktüten und anderen Müll über den Gehweg.

Trotz des wenigen Lichts hätte sie alles gegeben, um dort draußen zu sein, wie jeder normale Mensch die Möglichkeit zu haben, unbeobachtet durch die Stadt zu laufen. Sie schloss ihre Augen und versuchte, sich zu erinnern. Wie war es, den kalten Schnee in den Händen schmelzen zu lassen, wenn einem die Sonne ins Gesicht schien? Wie klang es, wenn man den Schnee zerdrückte? Sie wusste es nicht. Sie hatte sich zu lange nicht mehr hinausgetraut, seit Jahren lebte sie in der Angst, es könne wieder passieren.

Erschrocken öffnete sie die Augen und heftete ihren Blick an eine Gestalt, die auf der anderen Straßenseite erschienen war. Die Fensterscheibe beschlug von ihrem nassen Atem. Sie nahm den Ärmel ihres grauen Pullis und wischte vorsichtig die Sichtsperre weg. Die Gestalt war gänzlich schwarz gekleidet, und in ihrer Hand blitzte etwas Silberfarbenes auf. Die junge Frau erschrak: Wer auch immer es war, hatte soeben Blickkontakt hergestellt und eine finstere Miene aufgesetzt.

Susan wich vom Fenster zurück. Ihr Herzschlag hatte sich sofort gesteigert. Ein Gefühl von Angst machte sich in ihrem Magen breit, ihre Augen suchten den Raum nach etwas ab, was man als Waffe verwenden könnte. Doch das Einzige, was sie sah, war die leicht zerbrechliche Porzellanvase ihrer Großmutter. Da ihre kurze Suche erfolglos blieb, kauerte sich Susan in eine Ecke zwischen Wand und Sofa, um sich von Grenzen umgeben geschützt zu fühlen.

Es funktionierte. Sie merkte, wie sie sich beruhigte. Vielleicht stand da draußen ja auch nur jemand, der gerne Schwarz trug und gerade einen Spiegel herausgeholt hatte, der etwas reflektierte. Bestimmt. Natürlich, so war es.

Ein schiefes Lächeln erschien auf dem Mund der Frau. Aber dennoch - sie lächelte. Irgendwie hatte sie neuen Mut gefasst, der ihr half, aufzustehen und schließlich auf zittrigen Beinen an der Wand gelehnt zu stehen. Ihre Schritte waren unsicher, als sie in Richtung Küche ging, um sich einen Beruhigungstee zu kochen.

Nach einer gefühlten Endlosigkeit erreichte sie den angestrebten Raum. Sie drückte vorsichtig die Türklinke, darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Dann streckte sie ihren Arm in den abgedunkelten Raum, tastete die Wand nach dem Lichtschalter ab. Der Gedanke, einen dunklen Raum zu betreten, rief ein flaues Gefühl in ihrem Magen hervor und beschleunigte das Tempo ihres Herzschlags.

Aber nun war ja zum Glück alles taghell erleuchtet und die Küche so gebaut, dass es keine Ecken gab, wo sich zu viel Schatten sammelte. Susan öffnete einen Wandschrank und griff sich ein Teepäckchen heraus.

Der Rest der Handgriffe war eingeübt, Süßstoff und Milch schnell hinausgeholt, der Wasserkocher rasch angemacht. Das Zischen des elektrischen Geräts erfüllte den Raum, übertönte sogar das Heulen des Windes draußen. Käme jetzt jemand, könnte Susan ihn nicht hören. Käme jetzt jemand, wäre sie ihm schutzlos ausgeliefert.

Die junge Frau hielt den Atem an, doch durch den Wasserkocher war nichts zu hören. Von Panik überfallen ging sie im Kopf all ihre Notfallpläne durch. Welcher war am sinnvollsten?

Brachte es etwas, wieder ins Wohnzimmer zurückzukehren? Wenn dort jemand war? Gab es überhaupt irgendeinen Platz, an dem sie sicher war? Keine Antwort. Sie konnte ihre Fragen nicht beantworten.

Mit wachsender Unsicherheit und der Gewissheit, dass jemand sie beobachtete, schmiss sie die Küchentür zu, drehte zweimal den Schlüssel im Schloss herum. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, einen schweren Gegenstand vor die Tür zu schieben, aber als sie sich bewusst wurde, dass sie damit selbst ihren Fluchtweg versperrte, verwarf sie ihn wieder.

Ein Klicken signalisierte, dass der Wasserkocher seine Aufgabe beendet hatte. Plötzlich war da nur noch diese unendliche Stille, die Susan ein Gefühl gab, ins Bodenlose zu fallen. Sie wusste, wie falsch es war. Wie verheerend sich dieser Fehler auf den weiteren Verlauf dieses Abends auswirken könnte. Und trotzdem tat sie es. Ohne zu zögern drehte sie sich um und riss den Vorhang des Fensters zur Seite weg.

Das Bild, was sich ihr bot, half ihr nicht im Geringsten, eine Entscheidung zu treffen. War sie sicher oder war sie es nicht? Die schwarz gekleidete Person war weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Es dauerte ein wenig, bis sie realisierte hatte, dass die Gefahr vorüber war.

Sie wagte das Unglaubliche, der kleine Triumph ließ sie wagemutig werden. Ihre zitternden Hände drehten den Fenstergriff einmal herum. Mit einem kleinen Ruck öffnete sich das Fenster, und ein kühler Windstoß mischte die kalte Außenluft mit der warmen der Wohnung.

Bibbernd vor Kälte und doch schwitzend durch die Hitze im Raum, standen Susan Schweißperlen auf der Stirn. Sie ging einen Schritt auf das Fenster zu. Ihre Beine wollten ihr den Gehorsam verweigern, umkehren und wegrennen, sich vor der Gefahr schützen, den Körper auf ihnen in Sicherheit bringen.

Ein Kampf begann. Die junge Frau zwang sich dazu, den Kopf aus dem Fenster zu strecken, die größte Angst zu überwinden.

Innerlich zählte sie einen Countdown. Drei, Zwei, Eins. Jetzt.

Sie fasste all ihren Mut zusammen, streckte ihren Kopf vor und hielt ihr Gesicht in den kühlen Wind. Das Gefühl, als ob tausend kleine Nadeln in die Haut stechen, war gut und doch so befremdlich. Susan hatte jahrelang nur das Innere ihres Hauses gesehen.

Nichts war zu erkennen, alles war ruhig. Nur eine Katze schlich um die Häuser, war kurz im Licht der Straßenlaternen zu erkennen. Und der Wind wehte unaufhörlich Plastiktüten über den Gehweg.

Lina Peters



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