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RD - ZDPE-Artikel


Rattenscharfes Denken
Ein Philosophietag für die 5. Klasse

Die Auffassung, dass auch Kinder bereits philosophieren könnten, ist nicht mehr ganz so neu und den Leserinnen und Lesern dieser Zeitschrift wohlbekannt. Sie kam aus den USA und hat sich seit etwa 25 Jahren in Europa verbreitet. Es gibt inzwischen zahlreiche Institutionen, die sich mit dem Thema befassen - darunter nicht zuletzt auch die Schulen der Primär- und Sekundarstufe 1 in mehreren Bundesländern. Verglichen mit dieser Erfolgsgeschichte der Kinder- und Jugendphilosophie, nimmt das Schulfach Philosophie in Niedersachsen einen eher unauffälligen Platz ein. Zwar ist das Fach in der Sekundarstufe II an ca. 20 % der niedersächsischen Gymnasien fest etabliert, und an drei Studienseminaren (in Hannover, Osnabrück und Stadthagen) werden Philosophiereferendare ausgebildet. In der Grundschule oder Sekundarstufe I aber wird Philosophie nicht oder nur in Arbeitsgemeinschaften oder Wahlpflichtkursen unterrichtet. Große Hoffnung auf eine Veränderung dieses Zustands besteht angesichts der gegenwärtigen Landespolitik nicht. Um an unseren Schulen auch bereits bei den Jüngeren Interesse an der Philosophie zu wecken und ein wenig für unser Fach zu werben, haben wir, die Referendare und Fachleiter der Fachseminare Hannover und Stadthagen, Philosophietage mit Fünftklässlern durchgeführt. Die 5. und 6. Klassen sind nach der Auflösung der Orientierungsstufen zum Sommer 2004 neu an die weiterführenden Schulen Niedersachsens gekommen. So bot die Entwicklung eines altersgemäßen Angebots für diese Schüler eine Gelegenheit, sich einmal intensiv mit den Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Philosophierens mit Kindern auseinander zu setzen.
Durchgeführt haben wir einen solchen Philosophietag für die 5. Klasse bisher am Ratsgymnasium Stadthagen und am Hannah-Arendt-Gymnasium in Barsinghausen. Einen kleinen Ãœberblick über unsere Erfahrungen in der Planung und Durchführung eines solchen Angebots soll dieser Artikel geben.

Zur Durchführung
Zu Beginn des Tages haben wir die 5. Klassen in jeweils drei Gruppen eingeteilt, die jeweils ein Referendar oder ein Schüler eines Philosophiekurses der 12. und 13. Klassen betreut hat. Durch diese im normalen Schulalltag nicht verfügbare "Manpower" war es uns möglich, mit kleinen Gruppen zu arbeiten, wobei wir genügend Zeit hatten, uns intensiv mit den Äußerungen der Schüler zu beschäftigen. Die Gruppe erhielt vorher angefertigte Buttons, um den "Erlebnischarakter" dieses Tages zu bekräftigen. In den Gruppen begannen wir mit einer Collage zum Begriff "Rattenscharfes Denken" - dem Motto, unter dem der Tag stand. Die Schüler hatten vorher den Auftrag erhalten, Material mitzubringen, das sie mit diesem Begriff verbinden. Das Erarbeiten einer solchen Collage diente einer ersten Vergewisserung darüber, was Denken (und besonders "rattenscharfes Denken") sein kann. Im Anschluss daran (etwa ab der 2. Stunde) gaben wir ein Heft mit Materialien an die Gruppe aus, das wir vorher im Seminar zusammengestellt hatten. Die Materialien waren grob in die Bereiche Theoretische Philosophie (Paradoxien, Begriffspyramiden, optische Täuschungen, Denk- und Fragespiele) und Praktische Philosophie (Texte und Fragebogen zu den Themen "Gewissen" und "Freundschaft") eingeteilt. Mit Hilfe dieser Materialien konnten die Schülerinnen und Schüler unter Anleitung der Gruppenleiter selbsttätig arbeiten und eigene Schwerpunkte setzen. Gleichwohl war aufgrund der Größe der Gruppe jederzeit eine Diskussion einzelner Fragen im Plenum möglich. In der 5. Stunde sollten dann die vorher zum Teil gemeinsam, zum Teil in Einzelarbeit mit den Materialen aufgeworfenen Fragen vertieft werden. Ziel war eine Sammlung philosophischer Fragen, aus denen jeder Schüler sich dann eine Frage ausgesucht und diese auf einer Postkarte notiert hat. Dazu schrieben die Gruppenmitglieder ihren Namen, die Schuladresse und die Bitte um eine Antwort auf die Postkarte. In der 6. Stunde hatten wir die Karten an mit Helium gefüllten Ballons befestigt und ließen sie alle gemeinsam draußen vor der Schule steigen. Wichtig für das Gelingen der beiden bisher durchgeführten Philosophietage war die Unterstützung durch das Kollegium. Mappen, in die die Schüler das zur Verfügunggestellte Material abheften konnten, hatten sie vorher im Kunstunterricht an gefertigt; auch das Füllen von jeweils über 100 Ballons mit Helium (eine langwierige Arbeit!) hatten Kollegen dankenswerterweise übernommen. Ebenso wichtig war die Beteiligung der Schüler aus Klasse 12 und 13, die mit der Verantwortung für eine Gruppe über 6 Stunden eine nicht zu unterschätzende Aufgabe übernommen hatten. Hilfreich war, dass wir einen minutiösen Verlaufsplan erarbeitet hatten, der allen Teilnehmern vorlag. So kam es insgesamt zu wenig Reibungsverlust. Auch der Termin im Schuljahr will bedacht sein: Zu früh im Jahr sollte er nicht liegen, damit sich die Schüler bereits ein wenig an die neue Schule und aneinander gewöhnt haben.

Fazit
Die Entwicklung eines Philosophietags zum "Rattenscharfen Denken" war in vielerlei Hinsicht lohnend: Schüler aus Klasse 5 konnten wir an diesem Tag einmal punktuell an das Philosophieren heranführen. Die Hinführung durch die Collage, die Erarbeitung verschiedener Probleme am bereitgestellten Material und die Zuspitzung auf philosophische Fragen am Schluss hat sich grundsätzlich als tragfähig erwiesen. Durch die Kleingruppen entstanden eine besondere Atmosphäre und die Möglichkeit, individuell auf die Interessen der jeweiligen Gruppe einzugehen. Aber auch für die Leiter der Gruppen gab es positive Effekte. Die Schüler aus den Klassen 12 und 13 mussten sich vorher überlegen, wie man eigentlich mit Fünftklässlern philosophieren kann. Dies erforderte eine Klärung des eigenen Philosophiebegriffs (übrigens auch für uns Referendare...). Dazu bedeuteten die Philosophietage die Möglichkeit zur Planung und Durchführung eines kompetenzorientierten Unterrichts, der über das übliche 45-Minuten-Schema hinausgeht. Nicht zuletzt waren auch die sehr positiven Reaktionen der Eltern und die teilweise sehr ausführlichen Antworten auf die Frage-Postkarten der Schüler, die an die Schule zurückgesandt wurden, sehr ermutigend. Falls Sie unsere Planung und das erarbeitete Material auch einmal an Ihrer Schule nutzen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt auf mit der Fachleiterin des Studienseminars Hannover, Bettina Mussmann (bmussmann@gmx.de), oder dem Fachleiter des Studienseminars Stadthagen, Andreas Kraus (Kraus-Stadthagen@t-online.de). Auch wir sind bereits dabei, den nächsten Tag zum "rattenscharfen Denken" an einer weiteren Schule zu planen ...

Ein Artikel von Hipolito-Jorge Lorenze und Konrad Pahlke aus
ZDPE 01/2006