Staatsoper Hannover - X-Plore 2001

Schülerinnen und Schüler des Georg-Büchner-Gymnasiums/9.Jahrgang erleben Musiktheater

1. Blick hinter die Bühne

2. Ausgewählte Aspekte und Meinungen der Klasse zu „Orpheus in der Unterwelt“

3. Zusammenfassende Stellungnahmen zur Inszenierung

4. Bemerkungen zur Ballettaufführung

5. Zusammenfassung der Erfahrungen



In der Saison 2001/02 startet die Staatsoper Hannover mit dem Intendanten Albrecht Puhlmann ihr X-Plore-Projekt. Fünfzehnjährigen Jugendlichen wird das Angebot zum Besuch von zwei bis drei Inszenierungen pro Saison für nur 20,00 DM gemacht. Das Angebot umfasst neben der Bereitstellung von Materialien zur Vorbereitung auf die ausgewählten Aufführungen auch Einführungen durch die Theaterpädagoginnen und künstlerischen Mitarbeiter des Opernhauses. Die Möglichkeit zu Probenbesuchen und zu einer Operhausführung erweitert das ansprechende Angebot.

Einblicke in das Projekt werden im Folgenden anhand von Erfahrungen einer 9. Klasse des Georg-Büchner-Gymnasiums gegeben.

1. Blick hinter die Bühne

Montagmorgen 8:00 Uhr, Treffpunkt Künstlereingang des Opernhauses Hannover. Die Führung durch die Werkstätten soll 8:15 Uhr beginnen. Bekannte Stars der Opern, und Musiker mit Instrumentenkoffern streben dem Eingang zu, nicken dem Pförtner ein „Guten Morgen“ zu und verschwinden in den Treppenaufgängen. Die Atmosphäre ist kribbelnd. Eine ganz eigene Welt tut sich hier auf.

Die Theaterpädagogin Irina Graf erklärt zur Begrüßung, dass die Opernhausführung so früh stattfinden müsse, weil die künstlerischen Proben ab 10.00 Uhr auf der Hauptbühne stattfinden und in ihrem Ablauf keine Störungen vertragen.

Der Rundgang hinter den Kulissen ist als Rallye geplant. Ein Fragebogen kann während der Führung beantwortet werden. Der Fragen fordern die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler heraus und stellen die Kenntnisse auf die Probe. Wer alles richtig beantwortet, hat die Chance, einen Abend lang der Spielleitung bei einer Abendaufführung über die Schulter gucken und das Leben und Treiben während einer Vorstellung von der anderen Seite erfahren zu können. Bei einem so reizvollen Angebot strengen sich alle an.

Einige Stationen werden im Folgenden kurz beschrieben.

Der Fundus birgt Tausende von Kostümen. Alles ist handgefertigte Schneiderarbeit Die Schneiderwerkstatt arbeitet mit vielen wertvollen Stoffen und Applikationen. Die Putzmacherei zeigt die schönsten Hut-Kreationen und Masken, auch für Schmuck-Herstellung mit Flitter und Glitter ist sie zuständig. In der Schusterei stehen Schuhe für Riesen und zierliche Tanzschuhe nebeneinander. Oft muss Ungewöhnliches möglich gemacht werden. Opernhaus-Schuster müssen kreativ sein: Schlick und Tang auf den Stiefeln von Wassermännern sollen echt aussehen, da eignet sich als Material eine etwas schrumpelige Masse: ausgekochter, gefärbter Kuhmagen erfüllt diese Eigenschaften.

Abbildung 1: In der Schusterei

Die Umkleideräume des Chores, getrennt nach Damen- und Herrengarderobe, wirken sehr aufgeräumt. Die Kostüme für die Abendvorstellungen sind schon bereitgelegt.

Der Ballettprobensaal ist nur mit karger improvisierter Bühnendekoration ausgestattet. Bühnenarbeiter sind hier am Werk.

Auf der großen Spielbühne angekommen beeindrucken die in langen Reihen aufgehängten Deckenscheinwerfer, die ungeahnt viel Wärme abstrahlen. Die Beleuchtungseinstellung erfolgt - hier gut sichtbar - elektronisch per Computer.

Die Garderobe, die während der nächsten Aufführung hinter dem Vorhang gewechselt werden muss, wird von Mitgliedern der Kostümabteilung gesichtet und an großen Stellagen sortiert.

Die Kulissenarbeiter bauen schon das Gerüst der Kulissen für die nächste Abendveranstaltung auf. Auch die Funktion des Eisernen Vorhangs und die Sprinkleranlage als Sicherung gegen Feuer und andere Katastrophen werden erklärt.

Es herrscht viel Betrieb vor der eigentlichen Probe. Die Klasse schaut bei all dem Treiben gespannt zu.

Letzte Station der Führung ist der Zuschauerraum. Die Klappsitze haben auf der Unterseite Löcher, denn die Aufführungssituation muss simuliert werden, und nur so kann der Schall etwa in gleicher Weise reflektiert werden, wie bei der Aufführung, wenn der Raum voll besetzt ist.

Irina Graf, merkt man die Liebe zu ihrem Beruf an. Sie ist durch und durch mit dem Theater verbunden, kennt alle Leute hinter der Bühne und erläutert alle Fragen der Schülerinnen und Schüler kenntnisreich.

Die Fragebogen sind während des Rundgangs eifrig ausgefüllt worden und nach einigen Wochen werden Lucas und Andy erfahren, dass sie den Abend hinter der Bühne bei der Aufführung der Zauberflöte gewonnen haben. Von vorne aus dem Zuschauerraum haben sie die Inszenierung von Hans-Peter Lehmann schon gesehen. Von hinten wird es viel zu staunen geben.

Abbildung 2: Andy bei der Bartprobe



2. Ausgewählte Aspekte und Meinungen der Klasse zu „Orpheus in der Unterwelt“

Schon vor Beginn der Oper geht das Spiel los. Badegäste suchen Duschen und fragen das Publikum nach dem Weg. Keiner kann da weiter helfen. Dann wird vor dem Bühnenvorhang nackt geduscht.

Erst langsam wird dem Zuschauer klar: Ihm wird ein quasi realistisches Ambiente für ein Spaßbad vorgestellt. Wer hätte das gedacht, wo doch das Libretto eine Getreidelandschaft als Kulisse erwarten lässt? Der Olymp zeigt sich als ein Wellnessbereich in der ersten Etage. Die Götter verbringen dort ihre Freizeit. Der Eingangsbereich im Parterre symbolisiert die Erde und im Keller zwischen den Heizrohren beherrscht Pluto die Unterwelt.

Danach steht eine Frau im Publikum auf und tut ihre Entrüstung über das unsittliche Verhalten auf der Bühne kund.

Die „Öffentliche Meinung“ bietet hier dem Publikum eine provokante, gelungene Überraschung. Sie spricht wohl einigen Besuchern aus dem Herzen, denn sie findet das Bühnengeschehen grauenvoll. Selbstironie steht hier ins Haus. Die Theatermacher kennen ihr Publikum und tun trotzdem, was sie für richtig halten. Gertraude Wagner als öffentliche Meinung kommt an. Sie mischt sich auch weiterhin ein und lehrt Orpheus, die guten Sitten einzuhalten, was er gerne vermeiden würde. Ihm steht der Sinn nach außerehelichen Genüssen. Seine Frau liebt ihn auch nicht, sie will ihrerseits zu ihrem Geliebten (Aristeus), denn Orpheus langweilt sie schon lange mit seinem Geigenspiel. Dass Aristeus der verkleidete Pluto ist, weiß sie zunächst noch nicht.

Die Jugendlichen kritisierten die Inszenierungsidee, Eurydike in einer Hängematte sterben zu lassen, damit sie den Weg zu ihrem Geliebten, Pluto, ins Reich der Unterwelt nehmen konnte. Das sei nicht verständlich. Der heruntergekommene Prinz von Arkadien (Hans Styx) bewacht Eurydike in Plutos Auftrag. Hans Styx wirkt witzig, ist überzeugend grotesk.

Sein unscheinbares, ungepflegtes in schwarz-weiß gehaltenes Äußeres, sein Buckel und der merkwürdige Gang unterstützen den Eindruck eines einsamen, hochangepassten Wesens. Der völlig falsche Gesang setzt dem ganzen die Krone auf, als der Prinz versucht, ein Loblied auf frühere erfolgreiche Taten zu singen und Eurydike seine Liebe zu erklären.

Gut gefallen hat einigen der Cupido, der ja von einer Frau dargestellt wurde, die Stimme war sehr schön,

3. Zusammenfassende Stellungnahmen zur Inszenierung

Die Inszenierung insgesamt hatte viele provokative Elemente, das gefiel den Jugendlichen. Die Abweichungen vom gelesenen Libretto wurden nicht als sehr störend empfunden. Bühnengestaltung und Kostüme haben den meisten sehr gut gefallen.

4. Bemerkungen zur Ballettaufführung

Das an sich ausgewählte und für Schüler wahrscheinlich leicht verständliche Ballett „Perpetuum mobile“ von Stephan Thoss, wurde aus theatertechnischen Gründen abgesetzt, stattdessen wurde der Jahrgangsstufe 9 alternativ „Nach Moskau“ oder „So nah und doch so fern“ angeboten.

Die Ballett-Dramaturgin Anja von Witzlar und die Theaterpädagogin Irina Graf kamen in die Schule, um die den Stücken zugrunde liegenden Ideen zu erläutern und Einblicke per Video in die Probenarbeit der Tanztheatergruppe von Stephan Thoss zu geben. Der von Theaterfaszination sprühende Vortrag machte die Wahl nicht leicht. So gingen einige in beide Aufführungen.

Abbildung 3: Maskenprobe: Anna-Lena als Löwin

Bei dem sehr langen Ballettabend mit „Intervalle“ vor und „So nah und doch so fern“ nach der Pause gelang es nicht allen Jugendlichen, die Konzentration über den ganzen Abend zu halten und sich auf die Familien-Beziehungs-Bilder nach der Pause, die weniger abstrakt und deshalb an sich leichter zu verfolgen und verstehen waren als die Tanzbilder von „Intervalle“, einzulassen. Ein großer Teil der Schüler und Schülerinnen wollte eigentlich in der Pause nach Hause gehen. Die Tanzepisoden haben aber doch länger nachgewirkt, wie aus späteren Gesprächen zu erfahren war.Insofern wäre die Konsequenz zu ziehen, das Konkretere vor der Pause und das Abstraktere nach der Pause zu zeigen, wie es bei „Nach Moskau“ der Fall ist.

5. Zusammenfassung der Erfahrungen

X-Plore ist ein Projekt, das aufgeht. Es bringt die Jugendlichen dem Musiktheater näher und leistet somit einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Bildung.

Auch die äußeren Bedingungen des Projekts (niedriger Preis, Fahrtkosten-Übernahme) sind positiv.

Nach einem Jahr X-Plore-Erfahrungen kennt sich jeder Schüler und jede Schülerin im Opernhaus sowohl vor der Bühne als auch hinter der Bühne etwas aus. Erst der persönliche Kontakt zu den Künstlern und Dramaturgen, der Einblick in den Gesamtbetrieb, in die diversen künstlerischen und handwerklichen Berufe hinter der Bühne bindet die Schülerinnen und Schüler an die Oper und öffnet die Bereitschaft, sich mit kulturellen Traditionen zu beschäftigen. Schwellenangst wird abgebaut und persönlicher Bezug zur Oper möglich.

Die theaterpädagogische Arbeit des Staatstheaters ist unabdingbar für den Erfolg dieser Jugendkulturarbeit. Informationen, die durch das X-Plore-Projekt ermöglicht werden, legen die Basis für ein aktives Teilnehmen am Kulturleben der Stadt.

Dazu ist Folgendes notwendig:

Annegret Birth, 13.1.2003
Xplore-2001-Bericht.html/24.2.3